Der Baron auf dem Baum zieht aufs Dach

 

Ort:

Spitalackerpark in Bern, Schweiz

Zeit:

Oktober 2011

 

 

ein Projekt von Pfelder nach dem Buch Der Baron auf den Bäumen von Italo Calvino im Rahmen von NOMAD

 

15. Oktober 2011. Der Baron auf dem Baum zieht aufs Dach. Sein Vorfahre in Italien entschloß sich am 15. Juni 1767, die Erde zu verlassen und auf den Bäumen zu leben. So hielten es alle seine Nachkommen. Auch die, die viel später in die Schweiz auswanderten. Nun jedoch ist der zeitgenössische Baron, der seit Jahren in Bern auf Eichen, Kastanien und Rotbuchen lebte, aus den Bäumen vertrieben worden. Um nicht auf den Erdboden zurückkehren zu müssen, entschied er sich auf die Dächer der Schweizer Hauptstadt zu ziehen und von nun an dort unter freiem Himmel zu leben. Im Spitalackerpark erzählt er vom 15.10. bis zum 26.10.2011 täglich von 16 bis 17 Uhr für eine Stunde die Geschichte seines legendären Vorfahren Cosimo Diovasco di Rondo, der als erster der langen Familienreihe auf den Bäumen lebte.

 

Künstler: Pfelder 

Produktion: www.nomad-project.ch

Schauspieler: Simon Derksen, David Voges, Gunther Kaindl

Technik: Giorgio Andreoli

 

Text zum Projekt von Sibylle Omlin

 

Ich sage: Ich habe das Recht, zu dir hinaufzusteigen, und bin dann unverletzlich als dein Gast, einverstanden? Ich kann kommen und gehen, wann ich will. Du hingegen bist unverletzlich und unantastbar, wenn du dich auf den Bäumen, also auf deinem Gebiet aufhältst ; sobald du aber den Boden meines Gartens berührst, bist du mein Sklave und wirst in Ketten gelegt. » (Viola zu Cosimo, Italo Calvino, Der Baron auf den Bäumen)

 

Wen hat diese Geschichte von Italo Calvino nicht in seinen Bann gezogen! Der italienische Baron Cosimo Diovasco di Rondi entschied sich im Alter von 12 Jahren, also noch im Kindesalter, auf eine Steineiche im Garten des elterlichen Palastes zu steigen und fortan auf Bäumen zu leben. Es war der 15. Juni 1767, wie sein jüngerer Bruder, der Erzähler der Geschichte, notiert; und Anlass war ein Schnecken-Mahl, das Cosimo verweigert hatte. Cosimo beschloss – jugendlicher Trotz oder Revolte gegen die Eltern oder einfach wundersamer Wille – fortan die Erde mit seinen Füssen nicht mehr zu berühren. Der Autor Italo Calvino lässt den Baron auf jeden Fall ausserhalb der Vernunft agieren. Und gleichwohl führt der Baron ein Leben, das voller Abenteuer und nicht ohne Reiz ist.

 

Das Projekt von Pfelder für Nomad im Berner Spitalacker Park knüpft direkt an der verschrobenen Lebensweise des Barons an. Und Pfelder spinnt Calvinos Geschichte weiter. Der Baron aus dem Roman von Italo Calvino soll offenbar als schweizerischer Zeitgenosse auf dem Dach des Altersheims am Spitalacker leben, da er von den Bäumen in der Stadt vertrieben worden sei. Auch sei, so Pfelder, die Variante auf dem Dach zu leben, viel zeitgemässer als unter dem Blätterdach von Buchen, Eichen oder Kastanien Schutz zu suchen. Um Vernunft geht es in diesem Projekt von Pfelder ebenso wenig wie im Roman von Italo Calvino. Oder gerade: es geht um eine andere Vernunft, um andere Vereinbarungen, die nicht weniger glaubhaft sein wollen. Ein zauberhafter Vertrag zwischen Cosimo und dem Mädchen Viola war Anlass zu einer phantastischen Lebensweise in dem Roman von Italo Calvino. Und bildet nun den Hintergrund zu einem phantasiereichen Kunstprojekt.

 

Ob man sich auf die Erfindung von Pfelder einlässt oder nicht. Fakt ist dies: Vom Dach des Altersheim aus liest ein Schauspieler an 10 Tagen ab dem 15. Oktober 20111 die Geschichte von Italo Calvino. Die Besucher sind gebeten, täglich bis zum 25. Oktober von 16 bis 17 Uhr unter der grossen Buche im Spitalacker Platz zu nehmen und der Erzählung zu lauschen. Ausser bei Sturm und Regen: da wird die Geschichte im Café des Altersheims zu hören sein.

 

Und wenn es nach mir ginge: ich würde am liebsten bei Sturm und Regen unter dem Baum sitzen und die Geschichte hören. Denn ich habe erfahren, dass der mächtige Baum im Park des Altersheims über 150 Jahre alt sein soll. Seine Lebenszeit reicht somit ins tiefe 19. Jahrhundert hinein. Vielleicht wurde der Stamm der jungen Buche vom Bruder von Cosimo gestreichelt, als dieser nach dem Tod des Barons im Alter von 61 Jahren endlich auf eigene Reisen gehen konnte und auch nach Bern ins damalige Spitalackergut kam, um seine Freunde – die Patrizier-Familie Brunner – zu besuchen.

 

Und natürlich muss man sich fragen, warum der anarchische Baron von Pfelder nicht einfach auf dem Baum im Spitalackerpark Platz nimmt um zu erzählen. Warum er denn überhaupt mit dem Dach vorlieb nehmen will. Vielleicht hat das einen Grund, wie alles – auch eine Entscheidung in einem Roman – seine Gründe hat. Pfelders ursprüngliches Projekt, um den Baum herum eine Plattform zu errichten, von dem aus die Lesung hätte stattfinden sollen, wurde nach zahlreichen Abklärungen mit dem Leiter des Baumkompetenzzentrums der Stadtgärtnerei Bern als nicht realisierbar eingestuft. Ein entsprechendes Gesuch um Bewilligung der Veranstaltung bei der Stadtgärtnerei Bern (Abteilung Veranstaltungen) wurde abgelehnt mit folgender Begründung: „Die geltenden Nutzungsvorschriften der Stadtgärtnerei für Grünanlagen sehen keine Bewilligungen von  Installationen in und an Bäumen vor. .... Diese Art der Nutzung widerspricht der gängigen Bewilligungspraxis der Stadtgärtnerei.“

 

Unser armer Baron aus Italo Calvinos Roman dürfte es heute somit schwer haben. Sein Leben auf einem Baum würde nicht nur der Nutzungsbestimmungen von Bäumen und Stadtgärten zuwiderlaufen, sondern wohl auch dem Gebot, in öffentlichen Räumen nicht zu rauchen, keinen Dreck zu machen, nicht laut zu reden nach 22 Uhr oder geschweige denn Geschichten zu erzählen. Und das Sozialamt würde den Baron wohl im ersten Winter aus seinem Baum holen und ins Asyl bringen. Wenn seine adelige Herkunft aus dem Roman nachweisbar wäre, hätte er wohl Glück und käme ins Altersheim am Spitalackerpark und könnte aus dem Fenster seines Zimmers die Buche betrachten und sich erinnern, dass er einmal ein ohnehin unvorstellbares Leben geführt haben dürfte.

 

Sibylle Omlin